{"id":649,"date":"2018-02-26T12:43:31","date_gmt":"2018-02-26T12:43:31","guid":{"rendered":"https:\/\/10austrianjews.org\/?page_id=649"},"modified":"2018-02-27T09:41:34","modified_gmt":"2018-02-27T09:41:34","slug":"juedische-alltagsgeschichten-des-20-jahrhunderts","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/10austrianjews.org\/de\/info\/juedische-alltagsgeschichten-des-20-jahrhunderts\/","title":{"rendered":"J\u00fcdische Alltagsgeschichten des 20. Jahrhunderts"},"content":{"rendered":"<p>[et_pb_section bb_built=&#8220;1&#8243; fullwidth=&#8220;off&#8220; specialty=&#8220;off&#8220; _builder_version=&#8220;3.0.97&#8243; background_color=&#8220;#d3ae51&#8243;][et_pb_row][et_pb_column type=&#8220;4_4&#8243;][et_pb_text _builder_version=&#8220;3.0.97&#8243; background_layout=&#8220;dark&#8220; module_class=&#8220;tenaj_preface&#8220;]<\/p>\n<h1>J\u00fcdische Alltagsgeschichten des 20. Jahrhunderts<\/h1>\n<p>[\/et_pb_text][et_pb_text _builder_version=&#8220;3.0.97&#8243; background_layout=&#8220;dark&#8220; module_class=&#8220;tenaj_preface&#8220;]<\/p>\n<h2>Ein Vorwort von Edward Serotta<\/h2>\n<p>[\/et_pb_text][\/et_pb_column][\/et_pb_row][\/et_pb_section][et_pb_section bb_built=&#8220;1&#8243;][et_pb_row][et_pb_column type=&#8220;1_4&#8243;][\/et_pb_column][et_pb_column type=&#8220;1_2&#8243;][et_pb_text _builder_version=&#8220;3.0.97&#8243; background_layout=&#8220;light&#8220;]<\/p>\n<p>Es gibt nicht mehr viele von ihnen, aber vor weniger als einem Jahrhundert \u2013 bis 1938 \u2013 lebten in Wien fast 200.000 Juden. Sie arbeiteten als \u00c4rzte, Anw\u00e4lte, Polizisten, Lehrer, sie f\u00fchrten Gesch\u00e4fte und unterrichten an Universit\u00e4ten \u2013 um nur einige Berufe zu nennen. F\u00fcr diese gro\u00dfe j\u00fcdische Gemeinde gab es etliche Synagogen, knapp ein Dutzend j\u00fcdische Schulen, rivalisierende j\u00fcdische Jugendvereine und Sportklubs, j\u00fcdische Theater und Verlagsh\u00e4user mit Zeitungen in Jiddisch, Deutsch und Ladino, und mehr koschere Fleischhauer und B\u00e4cker, als man z\u00e4hlen konnte.<\/p>\n<p>Heute kann man sie z\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Jene Juden, denen die Flucht nicht gelang (65.000), wurden de-portiert und ermordet w\u00e4hrend ihre ehemaligen Wiener Nachbarn das Hab und Gut \u00fcbernahmen, welches die Wiener Juden zur\u00fcck-lassen oder zu einem Bruchteil ihres Wertes verkaufen mussten.<br \/>\nZu sagen, dass die Wiener Juden nach dem Krieg in Wien kaum willkommen gehei\u00dfen wurden, ist eine Untertreibung, und es hat sehr lange gedauert, bis die \u00f6sterreichische Gesellschaft begann, sich mit den Erniedrigungen und Gr\u00e4ueltaten auseinanderzuset-zen, denen ihre j\u00fcdischen Nachbarn nach 1938 ausgesetzt gew-esen waren.<\/p>\n<p>Aber es gab in den ersten Jahren nach dem Krieg jene \u00d6sterreicher, die begannen, die Enteignungen zu katalogisieren und festzustellen, was von wem gestohlen wurde. Sp\u00e4ter begannen Historiker damit, \u00f6sterreichisch-j\u00fcdische \u00dcberlebende zu finden und sie zu den schrecklichen Geschehnissen zu interviewen, die sie erlebt hatten \u2013 \u00fcblicherweise auf Video, um ihre Erinnerungen f\u00fcr die Nachwelt zu bewahren.<\/p>\n<p>Dank dieser Initiativen sind heute solche Zeitzeugenberichte zum Holocaust f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich. In 100 Jahren wird es Bibliothekaren, Sch\u00fclern, Studenten und Akademikern m\u00f6glich sein, zu erfahren, wie die \u00f6sterreichischen Juden aus dem Land vertrieben und in den Tod deportiert wurden.<\/p>\n<p>Aber wie k\u00f6nnen in 100 Jahren (oder sogar heute) Interessierte die pers\u00f6nlichen Geschichten nachlesen, wie \u00d6sterreichs Juden gelebt haben \u2013 vor, w\u00e4hrend und nach dem Holocaust? In Anbetracht des enormen Ausma\u00dfes des Verbrechens und des darauf liegenden Fokus, diese Geschichten aufzunehmen, wurde sich wirklich wenig auf die Alltagsgeschichten der Wiener Juden konzentriert. Diese L\u00fccke wollte Centropa f\u00fcllen.<\/p>\n<p>Centropa wurde im Jahr 2000 in Budapest von zwei jungen j\u00fcdischen Historikerinnen, Eszter Andor und Dora Sardi, sowie von mir ins Leben gerufen. Ich hatte seit 1985 als Journalist das j\u00fcdische Gemeindeleben in Mittel- und Osteuropa fotografisch sowie in Artikeln und B\u00fcchern dokumentiert.<\/p>\n<p>Eszter und Dora waren gerade M\u00fctter geworden. Sie hatten auch kurz zuvor die Video-Interviews ihrer Gro\u00dfv\u00e4ter gesehen, in denen sie davon berichteten, wie sie den Holocaust \u00fcberlebten. Beide Frauen waren von demselben Gef\u00fchl beschlichen: ist dieses Interview das, was ich meinem Kind zeigen m\u00f6chte, wenn es gr\u00f6\u00dfer ist? Ja, sie fanden Video-Interviews \u00fcber Zwangsarbeitsm\u00e4rsche und Konzentrationslager wichtig, aber Doras Gro\u00dfvater, Filip Sardi, war jeden Tag seines Lebens \u2013 seit 1928 \u2013 geschwommen (und tat dies bis 2008).<\/p>\n<p>Ich fragte Dora, \u201cHat Dein Gro\u00dfvater Fotos?\u201d \u201cEtliche!\u201d, sagte sie. \u201cErz\u00e4hlt er Geschichten zu den Fotos?\u201d \u201cEr h\u00f6rt nie damit auf!\u201d, erz\u00e4hlte Dora lachend.<\/p>\n<p>Und so war Centropa geboren. Wir wollten die altmodische Kunst des story-telling mit Familienschnappsch\u00fcssen vereinen und dann beides in einer Online-Datenbank der j\u00fcdischen Erinnerungen bereitzustellen.<\/p>\n<p>Zwischen 2000 und 2010 arbeiten 140 Teilzeitangestellte in 15 L\u00e4ndern als Interviewer, Editoren, Scanner, \u00dcbersetzer, Faktenchecker und Koordinatoren. In diesen Jahren besuchten wir 1.263 j\u00fcdische Zeitzeugen, wir sa\u00dfen mit ihnen auf ihren Sofas und baten sie, uns zu insgesamt mehr als 22.000 Fotos und Dokumenten die Hintergrundgeschichte zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Das Aufnahmeger\u00e4t surrte, die Geschichten sprudelten heraus \u2013 manchmal mit Klatsch und Plauderei vermischt \u2013 und in 1.263 Wohnungen und H\u00e4usern wurde ein kleiner Teil der j\u00fcdischen Welt Mitteleuropas bewahrt. Sp\u00e4ter wurden diese Geschichten transkribiert, \u00fcbersetzt, editiert und auf unsere Website gestellt.<\/p>\n<p>Der \u00fcberwiegende Teil unserer Wiener Interviews wurde von Tanja Eckstein durchgef\u00fchrt, und in diesem Buch befinden sich 10 ausgew\u00e4hlte Lebensgeschichten.<\/p>\n<p>Von diesen 10 wurde nur Irene Bartz au\u00dferhalb von Wien geboren (sie kam in Krakau auf die Welt). Die anderen: f\u00fcnf M\u00e4nner und vier Frauen malen f\u00fcr uns ein Bild, wie sie in Wien der Zwischenkriegszeit aufwuchsen. Allen gelang die Flucht vor dem Schicksal, welches die Nationalsozialisten (und viel zu viele von ihren willigen Helfern) f\u00fcr sie vorgesehen hatten.<\/p>\n<p>Sie \u00fcberlebten in Zentralasien, auf Mauritius, in Pal\u00e4stina, in England, versteckt in einer Wiener Werkstatt oder in Konzentrationslagern. Doch jede Person von ihnen verlor jemanden, der ihnen nahestand. Gro\u00dfeltern, Eltern, Geschwister wurden ermordet. Ihre Abwesenheit verfolgt all jene, die wir interviewt haben \u2013 bis heute.<\/p>\n<p>Doch diese Personen geh\u00f6rten zu jenen Juden, die nach dem Krieg entschieden, in Wien zu leben. Sie halfen, j\u00fcdisches Leben in Wien wiederaufzubauen, so dass auch heute Synagogen, Zeitungen und Jugendorganisationen existieren. Es gibt auch einen j\u00fcdischen Schwimmverein und einen Basketballverein, in dem sich junge, schlaksige Spieler (und manche, die nicht mehr so jung und schlaksig sind) \u00fcber das Feld schmei\u00dfen, w\u00e4hrend Familienmitglieder und Freunde sie von den R\u00e4ngen in Russisch, Franz\u00f6sisch, Hebr\u00e4isch und Wienerisch anzufeuern.<\/p>\n<p>Es gibt j\u00fcdisches Leben in Wien. Es ist nicht, was es einst war. Das wird es nie wieder sein. Umso wichtiger sind die Erinnerungen, die diese zehn Juden und J\u00fcdinnen hier mit uns teilen \u2013 \u00fcber das Aufwachsen in Wien, das \u00dcberleben der Schreckenszeit und \u00fcber den Aufbau eines neuen Lebens nach dem Krieg. F\u00fcr alle von uns.<\/p>\n<p>[\/et_pb_text][\/et_pb_column][et_pb_column type=&#8220;1_4&#8243;][\/et_pb_column][\/et_pb_row][\/et_pb_section]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><div class=\"et_pb_row et_pb_row_0 et_pb_row_empty\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div> J\u00fcdische Alltagsgeschichten des 20. Jahrhunderts Ein Vorwort von Edward Serotta <div class=\"et_pb_row et_pb_row_1 et_pb_row_empty\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div> Es gibt nicht mehr viele von ihnen, aber vor weniger als einem Jahrhundert \u2013 bis 1938 \u2013 lebten in Wien fast 200.000 Juden. 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